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Scham kann lähmen - wenn man sich bloßgestellt, unattraktiv oder erfolglos fühlt. Gleichzeitig wird Schamlosigkeit in Form von Protz, Gier und Sexualisierung gefeiert und normalisiert. Sollten wir uns besser schämen oder ist es eine Last, von der wir uns befreien sollten? „Twist“ fragt Kunstschaffende, wie sie mit Scham umgehen.
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Scham ist eine komplizierte Angelegenheit: Wenn wir uns erfolglos, bloßgestellt oder unattraktiv fühlen, kann sie uns zurückwerfen „Es ist Arbeit, sich davon zu befreien“, sagt die österreichische Tänzerin und Choreographin Doris Uhlich. In ihrem Stück „more than naked“ schickt sie Tänzerinnen und Tänzer ohne Kleidung auf die Bühne. Der Körper wackelt und macht Geräusche. Nicht anzüglich, es ist ein Akt der Befreiung. Ohne Stoff ergeben viele Bewegungen erst Sinn, findet Uhlich.
Das Leben der Leipziger Autorin Marlen Hobrack ist mehrfach von Scham geprägt. Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie in Ostdeutschland, im Plattenbau, mit einer Mutter, die zwei Jobs hatte und doch die Rechnungen nicht bezahlen konnte. Dafür schämte sie sich als Kind. Nach dem plötzlichen Tod der Mutter erfuhr Hobrack von deren Kaufsucht - ein Geheimnis, das diese aus Scham ihr Leben lang bewahrte. In ihrem Buch Erbgut schreibt die Autorin über die eigene Scham und das nach wie vor tabuisierte Phänomen.
Der Künstler Clemens Krauss widmet sich in einem seiner intimsten Werke dem Erwachsenwerden. Für eine Ausstellung zum Thema Scham fertigte er einen lebensechten Silikonabguss seines eigenen 13-jährigen Körpers an. Scheinbar schamlos präsentiert er die nackte Hülle seines jugendlichen Ichs - und plädiert zugleich für die Scham, die er für unverzichtbar im menschlichen Miteinander hält.
Schämen wir uns vielleicht für die falschen Dinge? Sind Rücksichtslosigkeit, Gier und Überkonsum nicht auch Zeichen einer immer unverschämteren Gesellschaft? Die bulgarische Künstlerin Maria Nalbantova untersucht in ihren Arbeiten die wachsende Schamlosigkeit - besonders im Umgang mit der Natur. „Twist“ begleitet sie in ein Sumpfgebiet, das durch Menschen zerstört und in das Abwasser geleitet wird.
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